An der Rezeption unserer Unterkunft hat man uns empfohlen eine Bike-Tour zu buchen. Die Idee gefiel uns. Mit dem Rad durch Krakau, eine sehr interessante Art Sightseeing zu betreiben. Anbieter solcher Touren gibt es in Krakau viele. Das Mädchen an der Rezeption empfahl uns „Krakows Walking and Biketours“ (Erkennungszeichen blaues T-Shirt).
Erste Station war der Besuch des Schlossberges „Wawel“.
Der Berg liegt direkt an der Weichsel. Alle sprechen von der Burg bzw. dem Schloss Wawel. Tatsächlich ist es aber eine Ansammlung verschiedener Gebäude. Die wichtigsten Gebäude sind das königliche Schloss und die Kathedrale mit ihren gotischen Kirchtürmen.
Die Empfehlung, wie ihr nachfolgend lesen werdet, können wir nur mit gutem Gewissen weiterreichen.
Um 8.30 Uhr sollten trafen wir unseren Reiseführer, namens John, am telefonisch vereinbarten Ort. Unser Guide war ein Amerikaner, der in Krakow lebt und hier Englisch an Schulen unterrichtet. Die Fahrräder standen in einem kleinen Hinterhof bereit und wir mussten nur noch die Höhe des Sattels einstellen. Schon ging es los.
Das Schloss stammt aus der Renaissancezeit und war seit dem 11. Jahrhundert Sitz der polnischen Könige. Erst ab 1596 wurde Warschau zur Hauptstadt und folglich Königssitz gewählt.
Neben dem Schloss befindet sich eine große Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert, die als nationales Heiligtum gilt. Es ist bereits die dritte Kathedrale an dieser Stelle. Die Kathedrale hat einen großen Stellenwert in der polnischen Geschichte, denn hier wurden die polnischen Könige gekrönt und auch hier, in der labyrinthischen Krypta, begraben. 18 Kapellen bilden einen Kranz um das Hauptschiff der Kathedrale. Auf dem Wawel wurde fast zu jeder Zeit gebaut, und so finden sich auch die Stile der verschiedenen Epochen in den Bauwerken wieder.
Sehenswert ist unter anderem auch der Sigismundturm, einer von drei Kirchtürmen. Er beherbergt die größte Glocke Polens mit einem Durchmesser von 2,4 Meter und einem Gewicht von 6 Tonnen. Die Glocke läutet nur zu den heiligen Kirchentagen. Vom Turm hat man eine herrliche Aussicht auf Krakau, wer Glück hat der kann sogar bis zum Gebirge der Karpaten sehen.
Am Burgberg Richtung Weichselufer befindet sich die sagenumwobene Drachenhöhle. Eine Feuer speiende Blechskulptur erinnert an die Drachenzeit, in der König Krak die Stadt von diesem Ungetier befreite.
Ratsam ist es früh für die Eintrittskarten zum Wawel anzustellen, da in Hauptsaisonzeiten nicht Drachen sondern (Touristen)-Schlangen die Kassen bewachen.
Weiter ging es durch verschiedene Gassen nach Kazimierz.
Kazimierz ist das jüdische Viertel von Krakau. Im eigentlichen Sinne ist es aber eine zweite Stadt, die der Kaiser Kazimierz III im Jahr 1335 außerhalb der Stadtmauern von Krakau bauen ließ. Die Krakauer Juden wurden 1495 zwangsweise nach Kazimierz umgesiedelt. Im Jahre 1940 machten die Nazis genau diesen Teil Krakaus zum größten Ghetto von Polen. Die Straßen von Kazimierz war auch die Kulisse von Steven Spielberg Film „Schindlers Liste“. Schon der Film zeigt erschreckend die Wahrheit der Nazizeit. Kaum ein Bewohner in Kazimierz überlebte und Millionen von Menschen wurden in den Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau vergast.
Ein sehr komisches Gefühl, wenn man sich dann persönlich in diesen Strassen befindet, die die Vergangenheit von 1000ten gequälten und getöteten Menschen beherbergt. John erzählte uns die Geschichten aus der damaligen Zeit so bildlich, dass wir uns als Deutsche für das was damals geschehen war, schuldig fühlten, auch wenn wir keinen Einfluss auf diese grausame Geschichte hatten. In diesen Straßen lebt auch heute noch der eher ärmliche Teil der Bevölkerung Krakaus. Wir fuhren auch zu der Emailfabrik Oskar Schindlers. Leider konnten wir das Gebäude nur von außen betrachten. Ich war froh als wir endlich das ehemalige Ghettogebiet verlassen haben und auf einen Berg vor den Toren Krakaus fuhren. Auf dem Berg wurden wir erst noch mit einem Blick auf ein ehemaliges Konzentrationslager konfrontiert, bevor wir den herrlichen Ausblick auf Krakau genießen konnten. Während unserer kleinen Pause mussten wir das gerade Erlebte erst einmal verarbeiten und beschlossen, dass diese geschichtliche Reise in eine sehr grausame Zeit nicht unbedingt etwas für unser Gemüt ist. Allen war klar, das Konzentrationslager Auschwitz werden wir uns auf keinen Fall ansehen.
Nun ging es wieder zurück. Wir passierten erneut einen Teil vom jüdischen Viertel. Wir machten noch mal einen Stopp bei einem Judenfriedhof. Viele Juden wurden hier übereinander begraben. Der Platz für so viele Gräber reichte nicht aus und so steht ein Grabstein an dem anderen. Die meisten Angehörigen wohnen schon lange nicht mehr in Krakau und so wächst der Friedhof so langsam aber sicher zu.
An der Szeroka (steht für „Breite Straße“) befindet sich auch die Remuh-Synagoge, die älteste Polens. An diesem kleinen Platz befinden sich Cafés und Restaurant mit koscherer Küche. Wir kommen am bekannten jüdischen Restaurant Ariel vorbei, in dem Steven Spielberg tagtäglich während den ganzen Dreharbeiten speiste. Wir taten dies auch, können aber weder den Service, noch das Essen des Restaurant empfehlen.
Anschließend radelten wir ein ganzes Stück durch den breiten Baumgürtel „Planty“, der den Stadtkern umschließt.
Dieser grüne Gürtel mit all seinen Bäumen, kleinen Gewässern und Springbrunnen ist parkähnlich angelegt. Er entstand, als man um 1800 die Stadtmauern an dieser Stelle abgerissen hat. Nur ein Teil der Altstadtmauer ist im Norden erhalten geblieben. Dort findet man auch das Florianstor, das als offizielles Eingangstor zur Stadt gilt. An der alten Stadtmauer nähe des Florianstores befindet sich auch eine Bildergalerie unter freien Himmel. Es ist der Treffpunkt von Künstlern, die hier ihre Bilder zum Kauf anbieten. Auch die 1499 spätgotische Bastei Barbakane mit rund 130 Schießscharten und spitzen Wachtürmen befindet sich hier.
Nun geht es zum Stadtkern. Der „Rynek Glowny“ ist mit 40.000 Quadratmetern einer der größten mittelalterlichen Plätze Europas. Der Platz wird von den Tuchhallen einem langen Renaissancebau durchzogen. Die Tuchhallen bieten im Inneren Platz für viele Händlerbuden. Um den Platz herum befinden sich viele alte Adelspaläste, die heute meist als Straßencafes dienen. Die vielen Cafes prägen im Sommer, zusammen mit den Pferdkutschen, den mediterranen Charme dieser Stadt.
Auch interessante Läden befinden sich in rund um den Platz und laden zum Schoppen nach Herzenslust ein. Nach Geschäftschluss ist der Rynek Glowny noch immer Treffpunkt für ganz Krakau. Bis spät in die Nacht ist hier etwas geboten, die Straßencafes sind gut gefüllt und viele Musikclubs, die sich in den Gewölbekellern unterhalb der Geschäfte befinden, öffnen ihre Pforten.
John zeigt uns nun den quadratischen Rathausturm aus dem 14. Jahrhundert, dessen Kellergewölbe früher Folterkammer und Gefängnis waren. Heute befindet sich hier eine Bar und ein Kabarett. An der anderen Ecke (Nordwest) des Platzes befindet sich das Plais Krzysztofory ein der prachtvollsten Adelspaläste Krakaus.
Nun stehen wir vor dem Wahrzeichen Krakaus, der Marienkirche. Schon gestern haben wir uns gefragt, warum die Türme der Kirche unterschiedlich hoch gebaut sind. John hat für uns die Antwort parat. Eine Legende erzählt, dass die Baumeister der beiden Türme Brüder waren. Jeder Bruder war für einen Turm zuständig. Daraus entwickelten sich ein Konkurrenzkampf und viel Neid auf den jeweilig anderen Bruder. Und so kam es, dass einer der beiden Baumeister seinen eigenen Bruder umbrachte. Der Bau des Turmes der getöteten Bruders wurde deshalb eingestellt.
Im Inneren der Kirche befindet sich ein großer Altar aus Lindenholz aus dem Jahre 1489, der von dem Nürnberger Veit Stoß geschnitzt wurde. In der Mitte des Altars befinden sich knapp 200 vergoldete Figuren die den Tod Marias darstellen.
Zu jeder vollen Stunde ertönt die Melodie einer Trompete von der Kirche, der „Hejnal“. Die Melodie soll an einem Turmwächter erinnern, der die Einwohner vor dem Überfall der Mongolen warnen wollte. Doch während er seine Trompete spielte, wurde er bereits schon mit einem gezielten Pfeilschuss getötet. Deshalb bricht auch heute noch die Melodie, die zur jeder vollen Stunde ertönt, abrupt ab.
Damit war nun auch unsere Fahrradtour beendet und wir fuhren zurück zum Ausgangspunkt um die Fahrräder abzuliefern. Wir luden John noch auf ein Bierchen in einen der zahlreichen Biergärten ein und bedanken uns für die hervorragende Führung.
Auch John hatte es mit uns gefallen und er lädt uns ein, ihn und ein paar befreundete Mädchen auf eine nächtliche Kneipen und Discotour zu begleiten. Alles in allem gesehen hat sich die Tour richtig gelohnt und bleibt uns allen, sicherlich auch mit einigen gemischten Gefühlen, in guter Erinnerung.
Die Impressionen unserer Biketour finden Sie in der Fotoshow "Impressionen von Krakau" und "Der Schlossberg Wawel".
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